La Gomera - Der Valle-Bote: Auf Gomera geliebt - in der Welt beachtet

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Auferstanden aus Ruinas
Gomera wird jetzt jeden Tag ein ganz klein wenig schöner
Unübersehbar mauert, malt und marmort sich unsere Insel aus dem Elend eines total rückständigen Natur-Paradieses in die Neuzeit des Neokapitalismus. Es wird gefliest und begradigt, gerodet und wieder angepflanzt. Die letzten Schotterpisten werden asphaltiert und mit weißen Linien bemalt. Die letzte finstere Ecke bekommt jetzt endlich auch ihre Bogenlampe. Der Ziegenstall von dunnemals mausert sich auf geheimnisvolle Weise zum schicken Eigenheim mit Whirlpool .Längst sind aus den Ruinen Hotels und aus den “Ruinas” unermüdliche Handwerker geworden. Nix mehr “Lilien auf dem Felde”. Ran muss geklotzt werden. “Rinjehaun”. Immerhin ist Gomera die teuerste aller Kanarischen Inseln. Und Anschreiben im Supermarkt ist auch nicht mehr. Sie müssen sich also schon drehen, die aus der Schweinebucht “auferstandenen” Hippies von damals, wenn sie die Raten für ihren Flachbildschirm pünktlich bei Pin und Pümpelchen abliefern wollen. Die Telefonica kneift gnadenlos die ADSL-Leitung ab, wenn das Konto leer ist, und der UNELCO ist es auch dingensegal, ob man Im Dunkeln sitzt.
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Es waren natürlich nicht nur unsere Jahre lang fest eingemauerten Brüder und Schwestern aus Deutschlands wildem Osten, die inzwischen auch Gomera aus Ruinen auferstehen ließen. Jedenfalls nicht nur. Zwar hatten sich viele von ihnen den Goldenen Westen nicht gerade so vorgestellt, wie ihn Gomera seinerzeit präsentierte - aber sie waren ja bestens vorbereitet in der Kunst der Improvisation am Bau - einer Fähigkeit, die das Überleben am Rande der Zivilisation leichter machte. “Hast du Hammer, Zange, Draht...”


Auch viele der zugewanderten Klimaflüchtlinge aus Bremen, Bonn, oder Bernkastel-Kues haben sich - nachdem die erste Begeisterung über ländliche Idylle und einfaches Leben in Gottes unberührter Natur und so verflogen war - als Auferstehungsapostel hervorgetan. Schicke Patios mit Terrakottaplatten, architektonisch gewagte Eigenkonstruktionen, Bewässerungsautomaten für den tropischen Ziergarten - es wurde um- und ausgebaut, aufgestockt und  aufgerüstet.


Manch nur noch rudimentär im Unterholz auffindbarer Ziegenstall mutierte auf wundersame Weise (”wir bauen nicht, wir renovieren nur!”) zur Ferienvilla im Landhausstil mit Herrenhaus und Einliegerwohnung; manch Feldsteingetürm aus der Guanchenzeit wurde zum schnieken Eigenheim mit unverbaubarem Meerblick “leicht umgebaut”.


Die Kohle für all das kam aus der Heimat. Oder vom Schweizer Nummernkonto. Und die Arbeit des Grabens und Bauens, des Schleppens und “Verschönerns” machten die hungrigen Hippies, die “Ruinas”, wie man sie auf Gomera allenthalben nannte. Die mussten sich fürs Überleben im Paradies nämlich Tag für Tag den Dingens aufreißen. Und so wurden durch deren Hilfe im Laufe der Jahre ganze Landstriche ehemals kakteenbewachsener Abraumhalden zu  urbanen Villenvierteln gestopfter “Edelresidenten”.


Schnell vergessen war die Philosophie der Neugomerianer des Wassermann-Zeitalters, diese Welt stets so zu verlassen, wie man sie seinerzeit angetroffen hatte. Ganze - ehemals von darbenden Kleinbauern und bescheiden vegetierenden Ziegenhirten bewohnte - Dörfer mutierten zu “Künstlerdörfern” des germanischen Landadels oder zu Schnabeltässler-Paradiesen wohlhabender Pensionisten aus dem Öffentlichen Dienst.     


Und was man nicht selbst bewohnte, das ließ sich trefflich (und zu angemessenen Preisen) an Paradies- und Sinnsucher aus der Kalten Heimat vermieten.


Wo man einst unter sich sein, dem schnöden Mammon entfliehen und eine neue, eine bessere Welt basteln wollte, da sammelten sich die Gesinnungsgenossen und wurden nach dem Motto “unsere zahlenden Gäste sind uns unsere liebsten Freunde” aufs Trefflichste bewirtet. Reiki-Meister wurden zu Marketing-Managern, Tarotkartenleger zu eifrigen Internet- und Public-Relations-Spezialisten. Die Hütten wurden zu Palästen.


 


Aber es waren natürlich nicht nur die zugereisten Residenten, die Gomera vom rückständigen Naturparadies zum Ferienparadies für den Qualitätstouristen machen wollten. 


Nein. In erster Linie waren es wohl die Gomeros selbst, die mit Macht an die Tröge des boomenden Pauschaltourismus drängten und aus ihren romantischen Natursteinhäuschen mit der Ziege im Stall immer üppigere Beherbergungs- und Verköstigungsbetriebe machten.


Schließlich sind sie anspruchsvoll, die Guiris. In der Welt des extraweiten Urlaubserlebnisses sind sie überall schon gewesen - in Mallorca und Teneriffa, auf den Bahamas und der südlichen Türkei. Sie wissen, wie ein Ferienort auszusehen hat: Sauber muss er sein. Das vor allem. Keine Schotterpisten und keine überquellenden Mülltonnen. Keine vorwitzige Kakerlake darf sich sehen lassen und erst recht keines dieser grauen Nagetiere, die man früher auf der Insel so gern als “Inselhörnchen” verniedlichte.


Gekachelte Bürgersteige und beleuchtete Uferpromenaden gehören zum Ambiente des gehobenen mitteleuropäischen Mittelstandes. Shopping-Meilen und hübsche Straßen-Cafés mit Sonnenschirmen und bunten Kissen auf den Rattan-Sesseln. Nur damit lässt sich dem anspruchsvollen Pauschi von der Eurolette helfen. Nur damit lässt sich der neue Mitsubishi-Pajero finanzieren.


Ein paar trommelnde Hippies zum Sonnenuntergang dürfen schon noch sein - aber bitte nicht zu viele, nicht zu breite, nicht zu laute und nicht zu ungewaschene. Viel besser aber ist da kanarische Folklore. Die gibt es in der Bochumer Fußgängerzone nämlich nicht. Und trotz Kartoffelsalat und Curry-Wurst ist er ja immer noch im Ausland, der Feinrippträger mit dem neckischen Sonnenhütchen. 


All das ließ sich selbstredend nicht mehr in Eigenarbeit oder mit preiswerter “Ruina”-Hilfe anspruchsvoll aufmauern. Dafür brauchte man schon Arschitekten. Profis in der Herstellung internationaler Beherbergungspaläste und der entsprechenden Infrastruktur. Die kannten sich aus in der Ferienwelt, und sie lehrten die Insulaner bald auch das Rechnen mit Quadratmetern umbauten Raumes, Belegungsquoten, Hypothekenzinsen, Tilgungsraten und Rentabilität.


So also aufersteht Gomera von Jahr zu Jahr mehr aus den Ruinen seiner durchaus nicht immer wohlhabenden Vergangenheit und träumt sich mit aufstrebenden Neubauten einer touristischen Zukunft entgegen. Nicht alle sind bisher vom Ergebnis begeistert, aber wann je hätte die Menschheit auf  Warner vor dem vermeintlichen “Fortschritt” gehört?


 


 



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