Statt mit Svens alter Rostlaube, die in den Bergen immer die Beine breit macht, brettere ich heute lieber im neuen Mercedes - am besten S-Klasse - durch die Lorbeeren. Und wenn der kaputt ist, dann kommt der in eine richtige Vertragswerkstatt. Nicht zu Achim. Und erst recht nicht zu Klaus.
Dass Eva immer noch ständig von Selbstverwirklichung faselt und sich dafür schon vor dem Frühstück die erste Tüte dreht, das geht mir voll auf die Nüsse. Und dass Helmuth immer noch keinen Bock auf eine vernünftige Arbeit mit dreizehn Monatsgehältern und voll bezahltem Jahres-urlaub hat, das finde ich auch nicht gerade prickelnd. Schließlich muss ich das ausbaden, wenn der mal wieder kein Geld für die Miete hat. Rausschmeißen kann ich ihn nach all den Jahren ja nicht so einfach, aber wer zahlt meine Hypotheken?
Da labern mir Anna und Peter was vor von biologischem Anbau, gesundem Leben auf eigener Scholle, vegetarischer Lebensweise und Vollwertkost. Mann, wir leben doch nicht mehr im vorigen Jahrhundert. Überall auf der Welt gibt es inzwischen MacDonalds und Pizza-Hut und Burger-King. Bloß auf Gomera nicht. Hier quatscht alle Welt von Junk-Food. Aber ich hab da nun mal Bock drauf. Wenn ich den Begriff “Grünkern” bloß höre, dann packt mich schon das große Würgen.
Und wenn ich die Klamotten sehe, in denen meine Nachbarinnen immer noch durch die Gegend latschen. Manchmal schäme ich mich direkt. Mia voll im Schlabberlook aus der Mottenkiste und Sabine bauchfrei. Im siebten Monat. Horst im T-Shirt mit Brandlöchern ohne Ende vom ewigen Kiffen. Aber mir was erzählen von Modediktat und Spießertum und so.
Ich muss mir hier auch heute noch jeden Tag was von Erleuchtung und Wiedergeburt und so vorsülzen lassen, obwohl dieses Thema doch inzwischen bei Gott voll durch ist. Wenn mein Nachbar breit wie ein Skunk unter der Palme abhängt und döst, dann höre ich: “Lass Egon in Ruhe. Der meditiert”. Und wenn es dann mal wieder kein Abendbrot gibt, dann ist seine geliebte Lebensabschnittsgefährtin garantiert wieder beim Satsang auf der Finca oder macht einen Trommelkurs oder übt afrikanische Fruchtbarkeitstänze. Die Nuss.
Wann werdet ihr ewig gestrigen Gomera-Freaks denn eigentlich endlich mal erwachsen? Stellt euch doch bloß mal vor, wie geil es wäre, wenn ihr endlich mal wieder in einer “normalen” Umgebung leben könntet. Vielleicht irgendwo im sauberen, voll kernsanierten Gelsenkirchen. Oder im zauberhaften bayrischen Alpenvorland. Oder im schönen Schwabenländle. Sauber gewaschen morgens ins Büro, abends zum Dämmerschoppen, sonntags in die Frühmesse beim ”Heiligen Aloisius”, nachmittags Kaffee und Kuchen bei Oma und abends in die Oper. Tristan und Isolde.
Oder ihr könntet als Panzerketteninstallateur bei Krauss-Maffei oder als freiberuflicher Besamungstechniker bei der bayrischen Milchwirtschaft gutes Geld verdienen und euch ein schniekes Reihenhaus in Ottobrunn bauen. Oder in die Politik gehen. Da werden heute immer mehr fähige Querdenker gesucht. Und auf Gomera, da verbringt ihr dann regelmäßig eueren Pauschalurlaub. In einem Vier-Sterne-Hotel. Mit Vollpension.
Ich hätte da Bock drauf.